Atem und Entwicklung

Jede Therapie, bei der ein Mensch mit einer „Methode“ oder „Technik“ behandelt wird, bleibt
in sich selbst letztendlich wirkungslos. Sie erreicht das tiefe Menschsein heute nicht mehr!
Spezialisierungen haben in extreme Richtungen geführt. Oft werden sie vermischt und dann als
etwas Neues verkauft. Jedoch steht hinter jeder Entwicklung auch ein geistiger Strom!

Durch das Fehlen einer Erkenntnis, was der Mensch in Wirklichkeit ist und was zum Menschsein
gehört, werden Therapieformen immer unwirksamer. Inzwischen kursiert sogar der Satz: „Die
Medizin macht den Menschen krank!“.

Was gehört nun zum Menschsein?

  1. Der Mensch ist als Mensch gemeint – von Urbeginn an.
  2. Der Mensch betritt die Erdenwelt bei seiner Geburt, indem er in einen vererbten Leib
    einzieht, der sich in Generationen entwickelt hat.
  3. Jeder Mensch bringt seine eigene Entwickelung mit und vervollkommnet sie in gewisser
    Weise, auch wenn Hinderungen auftreten. Der Mensch reift am Widerstand!
  4. Wie der einzelne Mensch reagiert und sich dabei entwickelt, bleibt immer individuell.

Dass der Mensch nicht nur ein physisches Wesen ist, sondern auch seelisch-geistig in sich und in
der ihn umgebenden Welt lebt, das muss in seinen differenzierten Wirksamkeiten und Bezügen
wieder erkannt und bewusst gemacht werden. Als der Begriff „Körper“ aufkam, von lt. „corpus
= ein berechenbarer Gegenstand, gerieten die Begrifflichkeiten von Leib und Leben (belebter
Leib = Seele) immer mehr in Vergessenheit. (Früher hatte ein Ort so und so viel „Seelen“ –
heute sind es „Einwohner“.)

Jeder Mensch steht von Geburt an bis zu seinem Übergang zurück in die geistige Welt mit vier
Strömungen in Verbindung, die er selbst immer neu in Harmonie bringen muss:

  1. das geistig-seelische Sein als Mensch, der ich bin,
  2. das leibliche Erbe – die ererbten Kräfte, Fähigkeiten und Möglichkeiten, die mir gegeben
    wurden,
  3. das kulturelle Umfeld und die geografische Umwelt, in die ich hineingeboren wurde,
    einschließlich dem ganzen Kosmos, der die Erde umgibt,
  4. und das eigene Leben, wie ich es in meiner Entwicklung gestalte.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt die Gegenwart. In der Gegenwart sind die Impulse
aus Vergangenheit und Zukunft immer mit enthalten. Das Rhythmische System mit Atmung
und Blutzirkulation spiegelt diese Realität. Im menschlichen Atmungsprozess geschieht ein
fortwährendes Binden und Lösen der geistig-seelischen Fähigkeiten und Möglichkeiten an den
leiblichen Organismus. Es ist dem Menschen gegeben, um differenzierte Kräfte auszugleichen
und zu Kräften zu harmonisieren, die dem Persönlichen dienen. Im Anschwung eines jeden
neuen Einatems werden feinste kosmische Rhythmen bis in das feine Gebilde des Gehirns
getragen. Vergangenes hat sich im menschlichen Haupt abgeschlossen – hier herrscht Ruhe,
hier ist die Sphäre der Qualitäten, die mir ins Bewusstsein kommen. Hier ist der Raum für das
Empfangen von Sinneswahrnehmungen. Hier verbinden sich differenzierte Empfindungen der
Innen- und Außenwahrnehmung. Vorstellungen, Erinnerungen und Gedanken kommen dazu.
Das ist schon das Individuelle! Auf all dies antwortet der Atem – in Resonanz auf die Atmung,
dem ersten Anschwung, in feinsten Qualitäten und Bewegungen, die nun aus dem
Stoffwechselpol (wo die Bewegung lebt) als Atembewegung von unten her aufblühen, um den
ganzen Leib zu ergreifen. Der Stoffwechsel- / Bewegungspol ist auf Zukünftiges ausgerichtet. Im
ganzen Leib spielen ja Atmung und Blutzirkulation in dem Rhythmus 1:4 ineinander. Atmung
und Puls: viermal strömt das Blut bei jedem Atemzug durch die Lungen, um Sauerstoff
aufzunehmen und Kohlendioxyd abzugeben. Hinter dem Atem steht das Wesen! – „Ich atme!“

Der Stoffwechselpol hängt innig mit Bewegung zusammen, nicht nur, dass sich hier innerlich die
Verdauung in gewisser Weise „chaotisch“ abspielt, sondern auch Zukunftskräfte bestimmen alle
physisch möglichen Bewegungen, die sich aus meinem individuellen Handeln und Gestalten
ergeben. Die individuelle Gestalt ist dem Menschen gegeben, um die Fähigkeit zur Re-Aktion zu
haben. Das heißt, dass ich auf meine ganz eigene Weise der Umwelt begegnen kann: dass ich
dem standhalten kann, was auf mich zukommt oder auch einstürmt und dass ich fähig werde,
darauf angemessen zu antworten, indem ich umwandelnd und gestaltend eingreifen lerne. So
sind Kulturen entstanden! Ich wirke am Zukünftigen mit!

Im ersten Impuls des inneren Atems lässt sich schon der keimhafte Ansatz ablesen, wie ein
Mensch zu sich selbst steht und ob er den vielfachen Einflüssen so begegnen kann, dass er sie in
sich selbst in Harmonie bringt. Hier wird nun das Ich sich selbst zum „Du“! Wir sagen zwar: „Ich
atme!“, aber wenn wir die Fähigkeit erworben haben, den inneren Atem wahrzunehmen, dann
kommt das „Du“ dazu: ich spüre, ob ich die Atembewegung kommen lassen und auch zulassen
kann – das ist meine seelisch-geistige Tätigkeit! Daran kann ich mich selbst auch kennen lernen.

Ich werde bewegt – aber ich kann mich auch bewegen! Das ist der Doppelaspekt, der mir die
Freiheit zur Entscheidung gibt. Ich spüre, wo die Atembewegung mich ergreift, sie macht eine
Bewegung – dort, wo Bewegung ist, da kann ich sie zulassen und anwesend sein, denn ich bin ja
auch leiblich da und kann mich bewegen – und ich bin es ja, der da atmet! Ich kann mich auch
weiten! Anwesend zu sein ist eine geistig-seelische Fähigkeit. Ich kann mich selbst immer neu
„ergreifen“! Das Physisch-Leibliche wird dadurch individuell gestaltet! Wird dieses Sich-
Ergreifen ins Bewusstsein gehoben, entsteht bewusstes Sein, Da-Sein, das bleibt.

Nun kommen Impulse dazu – sie weisen auf Zukünftiges hin. Ergreife ich diesen Impuls, wird
daraus Gestaltung – jede Tat verwandelt einen alten Zustand in einen neuen. Das nimmt Gestalt
an! Kann ich den Impuls umsetzen? Habe ich die Kraft oder den Mut dazu? Auch das spiegelt
sich im Atem! Bleibt ein Impuls im Gedanken stecken, stockt auch die Atembewegung. Und wir
kennen es alle, wie eine erlösende Tat, und sei sie noch so klein, einen tiefen Atemzug mit sich
bringt und eine innere Weitung!

Alle vier Ströme: das Vergangene, das Zukünftige und das Gegenwärtige stehen diesem Ich zur
Verfügung! Wenn das Ich lebendig tätig wird, fasst es all dies organisch im Herzen zusammen.
Vier Ströme treffen sich im Herzen. Von hier aus wird meine Entscheidung weisheitsvoll oder
auch heilsam wirksam! – Nicht durch „Technik“! – Diese Wirksamkeit – man nennt es auch die
„Quintessenz“ – die muss heute wieder bewusst gefunden werden!

Sie muss immer neu gefunden werden, sie kann mir gegenwärtig sein, denn sie gehört zu jenem
höheren Plan, der die Entwicklung des Menschen, der Erde und des ganzen Kosmos in sich
trägt. Der ganze Kosmos atmet…